RomMig – Forschungsprojekt: Zur Migration deutscher Sinti als auch Roma nach Großbritannien von 1875 – 1914
Das Projekt RomMig ist ein international angelegtes, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie den Arts and Humanities Research Council (AHRC) gefördertes Forschungsprojekt, das seit 2022 die Migration von Sinti als auch Roma aus Deutschland nach Großbritannien im Zeitraum von etwa 1875 bis 1915 untersucht. Im Zentrum steht die historische Rekonstruktion dieser Migrationsbewegungen anhand unterschiedlicher Quellen: Neben staatlichen und dominanzgesellschaftlichen Archiven werden dabei gezielt auch Perspektiven aus den Communities einbezogen. Gerade in dieser Verbindung unterschiedlicher Wissensformen liegt eine wesentliche Besonderheit des Projekts. RomMig versteht Migration dabei nicht als isoliertes nationales Phänomen, sondern als Teil eines transnationalen Beziehungsraums, in dem sich Mobilität, staatliche Kontrollpraktiken, mediale Narrative und gesellschaftliche Deutungsmuster gegenseitig beeinflussen.
Forschungsperspektive und methodischer Ansatz
Ein zentrales Anliegen des Projekts ist es, historische Quellen nicht nur auszuwerten, sondern kritisch zu kontextualisieren. Verwaltungsakten, polizeiliche Dokumente und mediale Berichte werden daher nicht ausschließlich als Abbild historischer Realität gelesen, sondern zugleich als Ausdruck gesellschaftlicher Wahrnehmungs- und Deutungsstrukturen verstanden. Zur Analyse dieser Prozesse wird im Projekt das von Mario Franz, dem Präsidenten des Nds. Verbandes deutscher Sinti e.V., seit 2016 entwickelte Konzept der Z-Projektion/ismus verwendet und mit ihm gearbeitet. Es ermöglicht, projektive und stigmatisierende Zuschreibungen von Sinti als auch Roma zu identifizieren, in ihrem historischen Kontext genauer zu betrachten und zu analysieren und die Projektionen schließlich zu dekonstruieren sowie deren Einfluss auf politische Maßnahmen, gesellschaftliche Wahrnehmung, psychosoziale Wirkmechanismen und historische Narrative zu untersuchen. Ziel ist es, die Differenz zwischen den tatsächlichen Lebensrealitäten der Betroffenen und den projektiven Quellen und Narrativen herauszuarbeiten und multiperspektivisch aufzuarbeiten.
Zentrale Akteur:innen und gemeinsame Forschungsarbeit
RomMig wird von einem interdisziplinären Team getragen, in dem unterschiedliche fachliche Expertisen aus Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Geografie sowie aus Community-basierter Forschung zusammenwirken.
Zu den zentralen Akteur:innen zählen:
- Prof. Dr. Eve Rosenhaft, Historikerin an der University of Liverpool, die das Projekt maßgeblich mitinitiiert und konzipiert hat und insbesondere zur deutschen Geschichte, zum Nationalsozialismus sowie zur Verfolgungsgeschichte von Sinti und Roma in Europa forscht.
- Dr. Felix Brahm, Historiker an der Universität Münster mit Schwerpunkt auf Global- und Verflechtungsgeschichte, der insbesondere die deutsche Quellensituation sowie Fragen historischer Machtverhältnisse in die Projektarbeit einbringt.
- Dr. Volha Bartash, Ethnologin und Historikerin mit Forschungsschwerpunkten zur Geschichte Osteuropas, zur Sowjetunion und zum Holocaust, die insbesondere in der Archiv- und Quellenarbeit zur deutschen Seite des Projekts tätig ist.
- Dr. Tamara West, Kulturgeografin und Ethnologin sowie Mitbegründerin des Projekts, die insbesondere im Bereich der kulturellen Geografie, Erinnerungskultur und visuellen Forschung arbeitet und maßgeblich an der Entwicklung der digitalen Migrationskarte beteiligt ist.
- Josephine Winterwerb, Historikerin mit Forschungsschwerpunkt zur bürokratischen Diskriminierung von Sinti und Roma im Deutschen Kaiserreich, die zur historischen Analyse der deutschen Quellen beiträgt.
- Mario Franz, Präsident des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti e.V., der sich seit vielen Jahren in den Bereichen historische Forschung, Sprachwissenschaft, Bildungsarbeit und Erinnerungspolitik engagiert und das Projekt kontinuierlich begleitet. Seine Expertise ist insbesondere für die differenzierte Einordnung historischer Kontexte, die Rekonstruktion von Diskriminierungspraktiken sowie für den kultursensiblen und ethisch reflektierten Umgang mit Quellen und Community-Wissen von zentraler Bedeutung.
- Ricardo Tietz, Historiker mit Abschluss in Geschichte und Philosophie an der Leibniz Universität Hannover, ist seit 2024 im Projekt tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der kulturhistorischen Aufarbeitung der Geschichte deutscher Sinti – insbesondere in Niedersachsen – sowie in der Analyse von Diskriminierungs- und Vernichtungspraktiken im Kontext des Nationalsozialismus. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit regionalhistorischen Fragestellungen, unter anderem zur Geschichte deutscher Sinti im Raum Hannover und zu historischen Orten wie dem Altwarmbüchener Moor. Ein weiterer Fokus seiner Arbeit liegt auf der Entwicklung kultursensibler und ethisch reflektierter Forschungsansätze sowie auf philosophischen Konzeptualisierungen von Antiziganismus und begrifflichen Weiterentwicklungen im wissenschaftlichen Diskurs.
Eine zentrale Rolle in der kooperativen Ausrichtung des Projekts nimmt Mario Franz ein. Als Community-Experte mit langjähriger Erfahrung in Linguistik, historischer Forschung, Bildungsarbeit und Erinnerungspolitik begleitet er das Projekt seit Beginn und stellt einen wichtigen Partner für die wissenschaftliche Arbeit dar. Seine Beiträge sind für das Projekt von besonderer Bedeutung:
- differenzierte Einordnung historischer Kontexte in Bezug auf Sinti als auch Roma
- Rekonstruktion von Diskriminierungspraktiken aus der Betroffenensicht
- Herstellung von Kontakten zu Familien und sensible Einbindung ihrer Aussagen
- Entwicklung und Sicherstellung ethisch reflektierter Umgangsweisen mit Community-Wissen
- Vermittlung zwischen wissenschaftlicher Analyse und gesellschaftlicher Praxis
Diese Perspektiven sind insbesondere für die Arbeit mit Archivmaterial unerlässlich, da sie helfen, einseitige oder verzerrte Darstellungen zu kontextualisieren und kritisch einzuordnen.
Forschungsarbeit, Mapping und Austauschformate
Ein wesentliches Element von RomMig ist die Verbindung von historischer Forschung mit kartografischen und digitalen Methoden. Ziel ist es, Migrationsbewegungen nicht nur zu rekonstruieren, sondern auch räumlich sichtbar zu machen.
Die im Projekt entwickelte digitale Karte stellt historische Routen, Aufenthaltsorte und Bewegungsmuster dar und verbindet diese mit Quellenmaterial. Sie bildet einen zentralen Bestandteil der weiteren wissenschaftlichen und bildungspolitischen Arbeit.
Darüber hinaus spielen Workshops und Austauschformate eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen die Zusammenführung unterschiedlicher Perspektiven aus Wissenschaft und Communities und dienen der gemeinsamen Reflexion und Weiterentwicklung der Projektergebnisse.
Publikationen und wissenschaftliche Weiterentwicklung
Im Rahmen des Projekts sind gemeinsame Publikationen in Zusammenarbeit mit der Liverpool University Press geplant. Dazu gehören insbesondere Beiträge des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti e.V. zur Wichtigkeit kooperativer Forschung und zum Konzept Z-Projektion/ismus.
Diese Arbeiten verbinden theoretische Ansätze mit Community-Expertise und tragen zur internationalen Weiterentwicklung kooperativer und erkenntniskritischer Forschung bei.
Bedeutung für Bildung und Erinnerungskultur
RomMig leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung diskriminierungskritischer Bildungsarbeit und Erinnerungskultur. Das Projekt trägt dazu bei, Sinti als auch Roma als historische Akteur:innen sichtbar zu machen und bestehende Deutungsmuster kritisch zu hinterfragen.
Durch die Verbindung von Forschung, Community-Expertise und innovativen Vermittlungsformaten entstehen hierdurch neue Zugänge zu Geschichte, die über klassische Darstellungen hinausgehen.
Ausblick
Das Projekt wird kontinuierlich weiterentwickelt und zielt darauf ab, seine Ergebnisse langfristig in Forschung, Bildung und gesellschaftliche Praxis zu verankern. Im Fokus stehen dabei sowohl die Weiterführung der historischen Analysen als auch die nachhaltige Etablierung kooperativer Forschungsansätze, die Publikation von Fachaufsätzen und die weitere Arbeit an der geografischen Karte.


