Viele Menschen kennen den Begriff Antiziganismus. Er beschreibt Ausgrenzung, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Sinti als auch Roma. Der Begriff ist wichtig, weil er sichtbar macht, dass diese Formen der Abwertung nicht zufällig entstehen und nicht nur einzelne Menschen betreffen. Sie haben eine lange Geschichte und wirken bis heute fort.
Das Konzept der „Z“-Projektion/ismus setzt an einem verwandten, aber etwas anderen Punkt an. Es fragt nicht nur danach, welche Vorurteile gegenüber Sinti als auch Roma bestehen. Es fragt vor allem danach, wie solche Bilder überhaupt entstehen, warum sie so lange weitergegeben werden und weshalb sie oft auch dann wirksam bleiben, wenn sie mit der Wirklichkeit konkreter Menschen nichts zu tun haben.
Mit „Z“-Projektion ist gemeint, dass gesellschaftlich überlieferte Bilder auf Menschen übertragen werden. Einzelne Personen werden dann nicht mehr zuerst als individuelle Menschen wahrgenommen, mit eigener Geschichte, eigener Familie, eigener Bildung, eigenem Beruf und eigener Persönlichkeit. Stattdessen werden sie durch ältere, fest eingeübte Vorstellungen gelesen. Diese Vorstellungen können negativ sein, etwa wenn Sinti als auch Roma pauschal mit Kriminalität, Fremdheit oder Unordnung verbunden werden. Sie können aber auch scheinbar positiv erscheinen, etwa wenn romantisierende Bilder von Freiheit, Musik oder „fahrendem Leben“ im Vordergrundstehen. Auch solche Bilder können problematisch sein, wenn sie reale Menschen auf eine fremde Vorstellung festlegen.
Der wichtige Punkt ist: Die „Z“-Projektion beschreibt keine Eigenschaft von Sinti als auch Roma. Sie beschreibt eine gesellschaftliche Wahrnehmung. Es geht also nicht darum, wie Sinti als auch Roma „sind“, sondern darum, wie Mehrheitsgesellschaften gelernt haben, sie zu sehen.
Viele dieser Bilder sind historisch sehr alt. Sie wurden über Erzählungen, Behörden, Medien, Wissenschaft, Politik, Schule, Familie und Alltag weitergegeben. Dadurch konnten sie sich tief in gesellschaftliche Wahrnehmungen einschreiben. Oft erscheinen sie dann nicht mehr als Vorurteil, sondern als scheinbar „normales Wissen“. Genau darin liegt ihre besondere Wirkung.
Der „Z“-Projektionismus beschreibt die gesellschaftlichen Prozesse, durch die solche Bilder weiterleben. Dazu gehören Wiederholungen in Sprache, Verwaltung, Medien, Institutionen und alltäglichen Begegnungen. Ein altes Bild muss nicht immer mit denselben Worten ausgesprochen werden, um weiterzuwirken. Es kann seine Form verändern und dennoch dieselbe Richtung behalten.
Das Konzept hilft deshalb, eine wichtige Verschiebung vorzunehmen: Der Blick richtet sich nicht auf die Minderheit als Problem, sondern auf die Wahrnehmungsweise der Mehrheit. Nicht Sinti als auch Roma müssen erklärt werden, sondern die gesellschaftlichen Bilder, die über sie erzeugt und weitergegeben werden.
Damit soll der Begriff Antiziganismus nicht ersetzt werden. Vielmehr kann die „Z“-Projektion/ismus eine zusätzliche Analyseperspektive eröffnen. Sie macht sichtbar, dass Diskriminierung nicht erst bei offenem Hass beginnt. Sie kann bereits dort wirksam werden, wo Menschen durch vorgefertigte Bilder gelesen, eingeordnet oder behandelt werden.
Das Konzept der „Z“-Projektion/ismus richtet den Blick auf die gesellschaftlichen Bilder, die über Sinti als auch Roma entstanden sind und bis heute fortwirken. Es fragt nicht zuerst danach, wie Menschen sind, sondern danach, wie sie gesehen werden. Gerade dadurch eröffnet es eine Perspektive auf Mechanismen gesellschaftlicher Fremdwahrnehmung, die häufig verborgen bleiben, obwohl sie alltägliches Denken, institutionelles Handeln und öffentliche Debatten bis heute beeinflussen.
Das Modell der Z Projektion wurde auf einer Veranstaltung im September 2025 wissenschaftlich evaluiert. In 2026 erschien durch Prof. Christoph Rass und Jonathan Roters eine erste Veröffentlichung im Rahmen des „IMIS-WorkingPaper 23/2026: Zum Verhältnis von Produktion und Projektion -Reflexive Perspektiven auf antiziganistische Wissensordnungen“. Darüberhinaus wird der Lernansatz bereits in den Seminarangeboten des Nds. Verbandes deutscher Sinti e.V. praktisch angewendet. Weitere Veröffentlichungen sind geplant und werden auf dieser Homepage zeitnah angegeben.
Kontakt
Wenn Sie mehr über das Modell der Z Projektion und des Projektionismus erfahren möchten, auch hinsichtlich der Vermittlung der Modells in berufsspezifischer Weiterbildung oder Forschung/Wissenschaft, oder Sie Interesse haben, eine Forschungsarbeit (Bachelor/Master/Dissertation) zu verfassen und Unterstützung benötigen, wenden Sie sich an Mario Franz.
